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05. März 2006

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Kultivierte Aggression  
Roland Scheel

Wenn ich in alten Büchern lese, in dem Liberale Stellung zur Demokratie beziehen, dann zeichnen diese das Bild eines demokratischen Staates, in dem das politische Wirken auf die Sicherstellung der Kooperation abzielt. Ausgehend von der Bestie Mensch, die unzivilisiert den größten Nutzen im Überfallen seiner Mitmenschen sehen kann, führt die Kultur den Menschen zur Zurückdrängung der triebhaften Bedürfnisse hinter rationale Überlegungen, die im Nutzenkalkül die Überlegenheit der Kooperation unzweifelhaft logisch herleiten können. In diesen Büchern wird die Frage nicht erörtert, ob die unmittelbare Befriedigung triebhafter Bedürfnisse auch ungehemmt obwohl "zivilisiert" erfolgen kann, insbesondere im Hinblick auf den demokratischen Staat.

Wenn ich heutige moderne Demokratien als empirisches Kriterium zur Erörterung der Frage nehme, ob die Menschen durch die Einführung der Demokratie zu kooperativem Verhalten bewogen werden, dann muss ich im Gegenteil festellen, dass die Befriedigung niederer Triebe wie beispielsweise des Raubes durch die demokratische Verfassung ein Mittel erfährt, welches hocheffektiv wirkt.

Während in einer Urgesellschaft der Dieb nur dasjenige Eigentum apropriieren konnte, welches sich ihm direkt physisch dargeboten hat, so kann der Dieb heute über das Instrumentarium der Politik den Zugriff auf Eigentum dergestalt erweitern, dass er nicht mehr durch sein physisches Vermögen beschränkt ist. Jedwedes Eigentum im Herrschaftsgebiet des demokratischen Staates kann dem Dieb nutzbringend zugeführt werden.

Diesem Umstand gilt es heute Rechnung zu tragen und die Überlegungen der Liberalen des neunzehnten Jahrhunderts dahingehend zu erweiteren, ob das Anreizsystem, welches die heutigen Demokratien erzeugen, tatsächlich geeignet ist, die gesellschaftliche Kooperation zu Lasten der Barbarei zu fördern.

Es ist nämlich keineswegs so, dass den "Anwendern der Demokratie" die philosophische Bedeutung dieser Staatform bewusst wäre. In unserer Welt erweitert die Demokratie nur die zur Verfügung stehenden Mittel zur Durchsetzung von Interessen. Sie impliziert keine Zustimmung zum Ideal der Kooperation. Ein Vertständnis über die nutzenmehrende Wirkung von Arbeitsteilung und Zusammenarbeit wird allein durch die Demokratie nicht vermittelt. Vielmehr ist die Kenntnis dieses Umstandes Grundlage für das Funktionieren des demokratischen Staates, ohne diese Kenntnis würde die Demokratie in kürzester Zeit zum Beispiel einer umfassenden Allmende, in der die Ressourcen der Gesellschaft vollständig der Vernichtung durch Übernutzung preisgegeben werden.

Der Mensch erhält Kenntnis vom kausalen Zusammenhang zwischen kooperativem Verhalten und der Mehrung seines Nutzens durch die Erfahrung, dass er als Einzelner weniger seinem Zwecke dienlich zu bewegen vermag, als er es in der Gesellschaft kann. Diese Kenntnis setzt vorraus, das entsprechende Erfahrungen gemacht werden. In einer Demokratie kann der Mensch aber ohne kooperatives Zutun seinen Nutzen mehren, ohne die Erfahrung der negativen Konsequenzen des asozialen Verhaltens zu spüren zu bekommen, denn die Geschädigten sind für ihn hinter einem anonymisierenden Schleier verborgen, und auch die Schädigung, die auf ihn zurückwirkt, stellt sich ihm in keinem klaren Ursache-Konsequenz-Schema mehr dar. Es ist also zu erwarten, dass die Demokratie an sich das asoziale Verhalten fördert. Und das nicht, weil der Mensch schlecht ist, sondern weil ihm Lernerfahrungen vorenthalten werden.

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