Jedem ist Ricardo wohl bekannt und auch seine komparativen Vorteile. Ich hatte einen schrecklichen Gedanken, den ich hier einmal ausformulieren möchte.
Eines vorneweg: Ricardo ist leicht zu verstehen und auch findet sich in der direkten Betrachtung nichts, was sonderlich misstrauisch machen könnte.
Aber wenn ich nur eine Variable einführe, dann wackelt das Gebäude doch gewaltig: Den Umverteilungsdruck. Wir in Deutschland leben ja nun einmal in einem Land, in dem viele Einwohner sehr ausgeprägte Vorstellungen über gerechte Einkommens- und Vermögensverteilungen haben. Man ist auch geneigt, die Größe der Umverteilung allein anhand dieses Umstandes zu erklären. Allerdings fällt der Wille nach Umverteilung ja auch nicht vom Himmel. Ich möchte behaupten, dass der Wille zur Umverteilung abhängt von der Ungleichheit der Primärverteilung. Je größer die primäre Ungleichheit, desto größer die Umverteilung. Berücksichtig man, dass die Umverteilung wiederum durch Überwälzungseffekte auf die Primärverteilung zurückschlägt, dann ergibt sich aus einer Ausweitung der Umverteilung eine Ausweitung der Ungleichverteilung der Primäreinkommen. Das alleine führt dann nicht unbedingt zu vollständiger Umverteilung, aber der dynamische Prozess würde ständig gegen eine Erhöhung der Umverteilung streben.
Nehmen wir nun den Freihandel. Wir leben heute in einer Welt, in der die Einkommens- und Vermögenssituationen im Vergleich verschiedener Länder extrem ungleich sind. Kapital, welches von einem hochproduktiven Land in ein Land mit geringeren Arbeiterlöhnen fliesst, wird sofort produktiver. Entsprechend führt der Freihandel mit freiem Kapialverkehr zu Kapitalströmen aus hochproduktiven in minderproduktive Länder. Die Löhne, die im Zielland des Kapitalflusses gezahlt werden, müssen aber absolut verglichen werden, um die Bewegung des Kapitals in dieses Land zu erklären. Folglich konkurrieren Arbeiter mit völlig auseinanderklaffenden Lohnforderungen gegeneinander. Das Ergebnis ist auch klar: Die Arbeiterlöhne im minderproduktiven Land steigen, im höherproduktiven fallen sie und der Kapitalgeber macht ein gutes Geschäft, welches die Verluste der Lohnarbeiter mehr als ausgleicht.
Was aber ist mit der Einkommensverteilung? Die Ungleichheit der Einkommen wächst selbstverständlich. Entsprechend würde man erwarten, dass der Umverteilungsdruck ebenfalls wächst. Und Umverteilung, so ist das gängige Lehrmeinung, reduziert das Wirtschaftswachstum und ein gebremstes Wirtschaftswachstum senkt die Kapitalproduktivität. Ein weiterer Anlass zu neuer Kapitalbewegung in minderproduktive Länder. Und zwar zu einer, die noch über das Maß hinausgeht, welches sich aus den komparativen Vorteilen heraus ergibt.
Um die Nutzen und den Kosten des freien Handels und des freien Kapitalverkehrs genauer zu bestimmen, müssen in einem demokratischen System, in dem der Wähler jederzeit bestehende Eigentumsverhältnisse angreifen kann, die Folgen der Lohnspreizung mit berücksichtigt werden. Unter Umständen übertreffen die demokratischen Kosten des Freihandels den Nutzen durch die Vertiefung der Arbeitsteilung. Empirische Evidenzen sollte es in den nächsten Jahrzehnten geben.
Vielleicht ist eine Freihandelspolitik in einem Sozialstaat sogar unsinnig. Erst muss der Staat wirksam beschränkt werden, bevor ernsthaft der Versuch eines Wettbewerbs mit den Staaten des ehemaligen Ostblocks unternommen werden kann.